Als wir im Schnee Blumen pflückten
AutorIn: Tina Harnesk
Das Volk der Samen ist in Nordeuropa beheimatet. Ihr Gebiet erstreckt sich über die nördlichen Teile Schwedens, Norwegens, Finnlands und im Osten bis an die Barentsee. Im 19. Jahrhundert wurde es aus ihrer Heimat verdrängt und um ihre Identität gebracht. In ihrem Roman widmet sich Tina Harnesk, die selbst Sami ist, den Menschen in ihrer alten Heimat, die jetzt zu Schweden gehört.
Mariddja und Biera sind ein altes Ehepaar. Die krebskranke Mariddja sorgt sich um ihren Mann Biera, der zunehmend verwirrter wird. Ihr einziger Kontakt besteht zu der virtuellen Telefonstimme „Siré“, die sie für einen echten Menschen hält und der sie all ihre Ängste und Sorgen anvertraut.
Ihr einziger Wunsch ist, ihren kleinen Neffen noch einmal zu sehen, zu dem aber seit langem kein Kontakt besteht.
In ihre verlassene Gegend zieht eines Tages der junge Arzt Kaj mit seiner Verlobten. In dem Haus, in das sie einziehen, finden sie zahlreiche Gegenstände der samischen Vorbesitzer, mit denen sie aber zunächst nichts anfangen können. Ihr Nachbarsjunge Johanas, der ihnen beim Einleben hilft, kann viel zu den Gegenständen und den Lebensumständen der Menschen erzählen, die hier gewohnt haben.
Die Geschichte ist perspektivisch und zeitlich versetzt erzählt. Das steigert die Spannung und der Leser steigt mehr und mehr in das Leben der Samen und ihre Kultur ein. Letztendlich bewegen sich die beiden Handlungsstränge aufeinander zu. Was zunächst zusammenhanglos schien, fügt sich am Schluss zu einer stimmigen Geschichte. Zurecht war dieser Roman in Schweden „Buch des Jahres 2023“.
„Mitternachtsschwimmer“ AutorIn: Roisin MaguireErscheinungsjahr: 0 Verlag: Dumont Seitenzahl: 352 Vorgestellt von Sabine Schmidt Nach dem Verlust seiner kleinen Tochter verliert Evan den Boden unter den Füßen. Seine Ehe mit Lorna ist so gut wie am Ende und sein Verhältnis zu seinem achtjährigen, gehörlosen Sohn Luca ist äußerst angespannt. Eine Woche allein in Ballybrady, einem winzigen Dorf an der irischen Küste, soll Evan ein wenig Abstand, Klarheit und ein kleines Stückchen Boden zurück unter die Füße bringen. Ein wenig misstrauisch wird der seltsame Tourist von den knorrigen Dorfbewohnern und seiner mürrischen Vermieterin Grace schon beobachtet. Doch kaum, dass sich Evan ein wenig seiner Trauer und der besänftigenden, wenn auch rauen Küstenlandschaft und deren ebenso gearteten Bewohner*innen stellen kann, beginnt der Lockdown. Grace bietet ihm für diese Zeit das gemietete Cottage kostenlos an. Grace, die im Dorf zwar geachtet und von ihrer Nichte Abbie über alles geliebt wird, gilt als brummige Eigenbrötlerin, die zwar im Einklang mit der Natur und der Küste verwurzelt scheint aber nichts und niemanden zu nah an sich heranlässt. Auch sie trägt ihre ganz eigene Geschichte mit sich im Gepäck. Als Evans Frau , da sie systemrelevante Arbeit leistet, kurzerhand Luca bei Evan am Cottage absetzt, muss dieser sich mit seiner Trauer, dem schwierigen Verhältnis zu seinem Sohn, aber auch mit Grace und den anderen Menschen im Dorf auseinandersetzen. Roisin Maguire erzählt diese ganz besondere Geschichte langsam, aus wechselnder Perspektive von Evan und Grace. Dabei trifft sie den rauen, harschen Ton von Grace, der alle Verletzungen und alles Weiche an ihr, das es natürlich auch gibt, besonders im Umgang mit Luca und Abbie überspielen soll, genauso einfühlsam wie Evans Unsicherheit, auf wackeligen Beinen zurück ins Leben und zu seinem Sohn zu finden. Sie lässt die schrullige Dorfgemeinschaft genauso lebendig werden wie die heilsame Atmosphäre des Meeres und der Natur. Die Autorin lebt in Nordirland und hat als Türsteherin in einem Nachtclub, Busfahrerin und Grundschullehrerin gearbeitet und die Erfahrungen aus dieser ganzen bunten Palette merkt man ihrem Roman und ihrem Erzählstil an. Auch wenn es, in meinen Augen, vielleicht einer oder zweier Wendungen zum Ende der Geschichte nicht bedurft hätte, hat mich die Lektüre rundum glücklich gemacht. Ich freue mich auf mehr von dieser Autorin. Ausleihe bei der StadtbüchereiKauf bei Thalia |
Die zerbrechliche Zeit AutorIn: Donatella di Pietrantonio Einband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: Kunstmann, A Seitenzahl: 224 Beteiligte (Übersetzer): Maja Pflug Vorgestellt von Claudia Engelmann Amanda, die in Mailand studiert, bricht in der Corona-Zeit ihr Studium ab und kehrt zu ihrer Mutter Lucia zurück, die in einem kleinen abgeschiedenen Dorf in den Abruzzen lebt. Amanda hat sich verändert, redet kaum und hat sich von allen zurückgezogen. Der Vater hat Lucia ein Grundstück übertragen, das ein Immobilienmakler als Tourismus-Projekt erwerben will. Doch da regt sich zum ersten Mal Widerstand bei Amanda, und sie kämpft für eine andere Nutzung. Auf dem besagten Grundstück liegt nämlich ein dunkler Schatten. Dort war vor dreißig Jahren ein kleiner Campingplatz, den eine Familie aus dem Dorf betrieben hat, bis dort etwas Schreckliches passierte. Und das wurde jahrzehntelang totgeschwiegen, bis es durch die aktuellen Ereignisse wieder ins Bewusstsein aller rückt. All das wird aus der Perspektive von Lucia erzählt. Zum einen die Geschichte in der Gegenwart, in der Amanda versucht, ihre eigene zerbrechliche Zeit durchzustehen. Zum anderen die Geschichte der Vergangenheit, als drei junge Mädchen spurlos verschwanden und das ganze Dorf versuchte, die Mädchen wiederzufinden. Auch Lucia fühlte sich damals schuldig, weil sie mit Doralice, einem der verschwundenen Mädchen befreundet war und sie Doralice nicht gefragt hatte, ob sie mit ihr ans Meer kommen wolle, und diese dann mit den beiden anderen Mädchen zu der fatalen Wanderung aufgebrochen ist. Beide Erzählstränge verknüpfen sich immer mehr, die zerbrechliche Zeit der vergangenen Ereignisse verbindet sich mit der Jetztzeit und alles hat mit allem zu tun. Am Ende stellt sich die Frage, wie ein ganzes Dorf mit einem solchen Trauma, einer solchen Verletzung umgeht. Genau solch ein Fall hat sich tatsächlich in den 90er-Jahren in den Abruzzen ereignet. Donatella di Pietrantonio hat mit dieser starken, zuweilen archaischen Geschichte, die unter die Haut geht und Spuren hinterlässt, den prestigeträchtigen "Premio Strega 2024"und den "Premio Strega Giovani” gewonnen. Zu Recht, denn diesem eigenwilligen Roman wünsche ich viele Leser. |
Die dritte Hälfte AutorIn: Sabine PetersEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: Wallstein Seitenzahl: 231 Auflage: 2. Auflage Vorgestellt von Marie-Luise Lindenlaub Ein Roman ohne Sex, ohne Crime, ohne fremde Länder, ohne Streit... Die Hauptfiguren sind Hermann Dik, genannt Doc, wohnhaft in Hamburg. Jeden Tag geht er in seine Praxis und behandelt seine Patienten. Seine Frau ist schon vor Jahren gestorben. Sein alter und bester Freund Brummer ist Kunsthistoriker in Bonn, ein alter Junggeselle. Er schreibt über den englischen Maler John Constable. Die beiden Freunde sind absolut gegensätzliche Typen. So wie Doc akkurat, sauber und ordentlich ist, ist Brummer ein Schussel und unordentlich, außerdem ein Kettenraucher. Trotz aller Unterschiede verstehen sich die beiden, und Doc kann bei seinem Freund Zuspruch und Trost finden. Doc kennt seine Patienten, weiß, wem er was wie sagen muss. Er selbst kommt dabei etwas zu kurz. Neben seinen Patienten ist da noch Mechthild, mit er alle zwei Wochen einen schönen Film guckt. Mechthilds „alternativer“ Sohn Kilian und Freundin Lena tauchen auch mal kurz auf. Die gute Seele in der Arztpraxis ist Christine, die Doc wenn eben möglich den Rücken frei hält und dabei die Auszubildende Hatice kräftig ran nimmt. Dann ist da noch Docs Schwester Kerstin, die mit Gerd verheiratet ist, der nicht nur Nachsicht, sondern auch Aufsicht braucht. Sie kümmert sich auch um ihren Bruder Doc, seit der Witwer ist. Es sind einzelne Szenen, die mit absurder Komik und Ironie ein Gesellschaftsbild zeichnen. Die Personen haben etwas Bizarres, das Heiterkeit weckt. Die Texte beschreiben Sehnsuchtsbilder im Schrebergarten, abgelegte Gegenstände im Keller, das Typische unserer Bundesbahn am Beispiel der ICE-Strecke Hamburg-Bonn und viele, viele Anmerkungen zu Filmen, Schauspielern, Dichtern, Malern... Die dritte Hälfte des Lebens, auf die der Titel Bezug nimmt, ist eine unsichere Größe, entzieht sich allen Berechnungen. Aber die kleinen Überlegungen sind nicht oberflächlich, sie gehen auch in die Tiefe und sind einfach nachdenklich und Herz erwärmend. Schön! Ausleihe bei der StadtbüchereiKauf bei Thalia |
Wild wuchern AutorIn: Katharina Köller Einband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: Penguin Verlag Seitenzahl: 208 Vorgestellt von Sabine Schmidt Katharina Köller wurde 1984 in Eisenstadt geboren. Nach dem Abitur studierte sie Philosophie in Wien und ab 2007 parallel Schauspiel. Sie arbeitet als Autorin und Theatermacherin und hat schon einige Theaterstücke sowie den Roman „Was ich am Wasser sah“ veröffentlicht. Ihre tiefe Verbundenheit zum Theater lässt sich ihrem neuen Roman „Wild wuchern“ deutlich anmerken. Die Geschichte mutet bisweilen wie ein Kammerspiel an und wird getragen von den beiden starken Charakteren Marie und Johanna, wie auch von Katharina Köllers Gespür eine besondere Erzählatmosphäre zu schaffen. Die Ich-Erzählerin Marie flüchtet aus Wien und ihrer Ehe in die Berge auf eine Alm. Auf genau die Alm, die ihre Cousine Johanna von ihrem gemeinsamen Großvater übernommen hat und schon viele Jahre bewirtschaftet. Als Kinder haben beide Mädchen dort die Ferien bei den Großeltern verbracht. Aus familiären Gründen musste Marie sich als Jugendliche um Johanna kümmern. Johanna, die schon immer etwas ‚anders‘ war, in sich zurückgezogen, wortkarg, aber außergewöhnlich tierlieb und naturverbunden. Als Marie nun bei Johanna auf der Alm anklopft, weiß diese nichts so recht mit Marie anzufangen. Was hat sie in den Bergen verloren? Marie, das Stadtkind, cool, schick, reich verheiratet. Was will sie auf der Alm und vor allem wann reist sie wieder ab? Doch Marie denkt gar nicht daran wieder abzureisen und das hat Gründe. Die Alm erfordert viel Arbeit und Kraft und so muss Marie nun auch mit anpacken. Die gemeinsame harte körperliche Arbeit bei unterschiedlichsten Witterungsbedingungen und der Rhythmus der Natur bringt so die beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten ganz langsam einander näher und sie stellen sich ihren jeweils eigenen Gespenstern der Gegenwart und der Vergangenheit. Katharina Köller gelingt hier, in meinen Augen, ein kraftvoller Roman, der mich mit seiner Sprache und Atmosphäre an Monika Helfer erinnert und restlos begeistert hat. Kauf bei Thalia |
Flusslinien AutorIn: Katharina HagenaEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: Kiepenheuer & Witsch Seitenzahl: 400
Vorgestellt von Claudia Engelmann Die 102-jährige Margrit verbringt ihre Tage außerhalb des Pflegeheims im Römischen Garten in Hamburg an der Elbe und erinnert sich an das, was war. Da sind natürlich die Männer in ihrem Leben, aber auch ihre geliebte Mutter, deren große Liebe Else Hoffa, die Gestalterin des Römischen Gartens war. Zugleich sucht ihre Enkelin Luzie den Kontakt zu ihr, aus der Bahn geworfen von einem schrecklichen Ereignis und Unterschlupf am Fluss in einem verlassenen Gebäude findend. Sie sucht gerade wieder ihren Platz im Leben und dabei helfen ihr die Tätowierungen, die sie Margrit auf den Körper zaubert. Auch der junge Arthur, der sich um Margrit kümmert, lebt vorübergehend an der Elbe in einem Stelzenhaus, sucht in seiner Freizeit den Strand nach verborgenen Schätzen ab und erfindet neue Sprachen. In seinem Leben gibt es ebenfalls eine dunkle Stelle, die er eines Tages Luzie erzählen wird, nachdem er sie besser kennengelernt hat. Diese ungewöhnliche Konstellation verspricht eine interessante und spannende Geschichte, die mich nach und nach immer mehr begeistert und nicht mehr losgelassen hat. Als Leser gerät man anfangs vielleicht etwas ins Stocken, weil die Sprache und die Gedanken oft zerfließen und mäandern, weil alles seine Zeit braucht und Dinge sich entwickeln müssen, aber wenn man sich darauf einlässt, wird man mit einem sehr eindrücklichen, bewegenden und besonderen Roman belohnt, in dem nicht nur die drei besagten Personen eine Hauptrolle spielen, sondern auch die Elbe, der Fluss, der mit seinen Läufen und Linien die Bewegungen des Lebens vorgibt. Katharina Hagena wurde vor einigen Jahren sehr bekannt mit ihrem Überraschungserfolg "Der Geschmack von Apfelkernen". Auch hier spielen die Natur und der Einklang mit ihr eine große Rolle, federleicht skizziert in ihrer oft poetischen Sprache. Und übrigens: die Gartengestalterin Else Hoffa gab es wirklich und was sie mit der bekannten Familie Warburg zu tun hatte, ist äußerst spannend und lesenswert. Ausleihe bei der StadtbüchereiKauf bei Thalia |
Schwebende Lasten AutorIn: Annett GröscherEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: C.H. Beck 2025 Seitenzahl: 279 Auflage: 2. Auflage
Vorgestellt von Marie-Luise Lindenlaub Als junges Mädchen hilft Hanna ihrer älteren Halbschwester in einem kleinen Blumenladen in Magdeburg. Hier entdeckt sie ihre große Liebe zu Blumen, die sie bis zu ihrem Tod und darüber hinaus begleitet. Als sich ihre Schwester anders orientiert, überlässt sie Hanna den Blumenladen. Als Arbeiterkind um 1913 geboren und früh die Mutter verloren, war sie auf das Mitleid ihrer Umgebung angewiesen. Sie heiratet jung – etwas anderes war für Mädchen aus Arbeiterfamilien und mittellos - nicht vorgesehen. Mit 25 war sie bereits das sechste Mal schwanger. Regelmäßiger Geschlechtsverkehr wurde von Ehefrauen aus Arbeiterfamilien erwartet. Hin und wieder wurde eine Engelmacherin aufgesucht, die gab es überall. Ihr Mann vertrinkt das Geld, das dringend zum Leben in der kleinen Zweizimmer-Wohnung gebraucht wird. Eine anständige Wohnung kann sie sich nicht leisten. Hingebungsvoll führt sie das Leben einer ganz normalen Mutter. Doch dann verliert sie den Blumenladen, durchlebt den 2. Weltkrieg und verliert zwei Kinder in dem brennenden Magdeburg und auch die Wohnung. Ihr Mann ist durch einen Unfall behindert, und auch ihn muss sie buchstäblich mit durchschleppen. Nach dem Krieg muss sie sich eine neue Aufgabe suchen.Magdeburg gehört nun zur „sowjetisch besetzten Zone“, zur DDR. Trotz Höhenangst wird sie Kranführerin in der Halle eines Schwermaschinenbaubetriebs – sie hat Mann und Kinder durchzubringen und jede Mark ist nötig. Die Liebe zu Blumen hilft ihr, das Leben zu ertragen, immer wieder Schönes zu entdecken. Viele kleine Besonderheiten machen diesen Roman zu einem bewegenden Erlebnis ohne ins Kitschige zu geraten, z.B. ist jedem Kapitel eine Pflanze vorangestellt und porträtiert (u.a. Traubenhyazinthe, Hornveilchen, Tulpe, Akelei, Pfingstrose....doch auch die Raupe vergisst sie nicht). Das erzählt die Autorin mit großer Sympathie für ihre Protagonistin, liebenswert und interessant. Ausleihe bei der StadtbüchereiKauf bei Thalia |
“Zeit ihres Lebens“ AutorIn: Dirk GieselmannEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: Ullstein Hardcover Seitenzahl: 224 Auflage: 1.
Vorgestellt von Sabine Schmidt Dirk Gieselmann, geboren 1978 in Diepholz, ist Journalist, Kolumnist und Autor. Er studierte Germanistik und Philosophie und arbeitete als freier Journalist unter anderem für Die Zeit, den Spiegel und die Süddeutsche. Weil er jedoch offenbar, um die Dramaturgie der Beiträge zu fördern, journalistische Schludrigkeiten und Unsauberkeiten beging, beendete Die Zeit die Zusammenarbeit mit Gieselmann. Bei seinen Romanen ist jedoch sein Gespür dafür, eine scheinbar alltägliche, unspektakuläre Geschichte auf sachliche wie ebenso poetische Weise zu erzählen, sehr bemerkenswert. Das hat mich bereits bei seinem Roman “Der Inselmann” sehr begeistert und setzt sich so in “Zeit ihres Lebens” fort, einer Liebesgeschichte, die realistisch, beinahe alltäglich und doch besonders daherkommt. An einem Dienstagmorgen im März 1983 verschläft Frieda Brunner, alleinstehende Grundschullehrerin. Das ist ihr noch nie passiert, und auf dem Weg zur Straßenbahn wird sie patschnass, denn natürlich hat sie den Schirm vergessen. Ein bisschen verzweifelt und mit verlaufener Wimperntusche wartet sie auf die Straßenbahn. Georg Neumann, Vertreter für medizinische Geräte, wacht zerknittert in seiner Pension auf. Er fühlt sich permanent traurig und müde. Nach dem immer gleichen Frühstück in seiner Stammpension will er zu einem Kunden aufbrechen, doch sein Auto springt nicht an. Ein wenig trotzig und genervt geht er zur Straßenbahn und bietet der jungen Frau mit der zerlaufenen Wimperntusche seinen Schirm an. Etwas beginnt und etwas endet in diesem Moment. Das könnte der Beginn einer etwas kitschigen Liebesgeschichte sein. Doch Dirk Gieselmann gelingt es ganz einzigartig, die gemeinsamen Momente von Frieda, oft allein, aber nie einsam, und Georg, einsam in einer Ehe und bisweilen beklommen von der bedingungslosen Liebe seines kleinen Sohnes, einzufangen. Und so begleiten wir die beiden über Jahrzehnte in ihrem Alltag, in ihrer Liebe, ihrer Unsicherheit, ihrem Glück und ihrem Sehnen. Dass diese Geschichte nicht dramatisch, aber traurig-schön, alltäglich aber auch sehr besonders daherkommt liegt an Gieselmanns ganz eigenem Sound: sachlich, aber mit Tiefgang, melancholisch aber mit funkelnden Momenten von Freude und Humor, ernst aber mit großer Leichtigkeit. “Zeit ihres Lebens” ist wirklich eine bereichernde Zeit des Lesens. Kauf bei Thalia |
"6 aus 49" AutorIn: Jacqueline KornmüllerEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 0 Verlag: Galiani Berlin Seitenzahl: 224 Auflage: 1. Auflage
Vorgestellt von Claudia Engelmann Die Regisseurin und Autorin Jaqueline Kornmüller erzählt hier die spannende, berührende, starke und außergewöhnliche Geschichte ihrer Gro0mutter Lina, deren Lebensmotto das Glück war und die ein ganzes, ein erfülltes Leben lebte. Das allerdings nie leicht und unbeschwert war, sondern geprägt war von harter Arbeit, Verzicht und Schicksalsschlägen. Alles beginnt in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Garmisch Bindestrich Partenkirchen, als die junge Lina, aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammend, dort in Stellung geht. Von einer einfachen Kupferwäscherin über ein Serviermädchen arbeitet sie sich unermüdlich hoch bis sie ihren eigenen Pensionsbetrieb führt, das kleine Hotel Amelie, das sie zusammen mit ihrer langjährigen Freundin Maria erfolgreich bewirtschaftet. Vieles gelingt, weil sie nicht auf das Glück wartet, sondern es selbst in die Hand nimmt. In den Jahren entwickelt sie eine große Leidenschaft fürs Lottospielen. Dort ist ihr das Glück, wie so oft in ihrem Leben, gewogen. In Gegensatz zur Liebe, bei der sie immer wieder Pech hat und es in ihrem Leben keinen festen Mann geben wird. Mit Anfang 20 wird sie ungewollt schwanger und wie das damals so häufig war, wird das Kind nebenher sozusagen im laufenden Betrieb groß. Die doch sehr persönliche Geschichte wird von Linas Enkelin, die ein enges und liebevolles Verhältnis zu ihrer Großmutter hatte, in lottoüblichen 49 kurzen Kapiteln erzählt, in einer einfachen, knappen, aber oft sehr treffenden Sprache mit viel Wortwitz. Männer haben in diesem Buch keine Namen sondern nur Bezeichnungen wie "Zufallsgast" oder "Schwärmer", weil sie in dieser starken Frauengeschichte eben nur eine untergeordnete Rolle spielen. Bemerkenswert ist außerdem der ungewöhnliche Schutzumschlag, gestaltet von Kat Menschik, einer bekannten deutschen Illustratorin. Dort sehen wir gezeichnet das kleine Hotel, die Berglandschaft, die Frauen und viele Lottozahlen in dezentem Lila mit gelber Schrift - sehr passend. |
Wachs AutorIn: Christine WunnickeEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 2025 Verlag: Berenberg Seitenzahl: 187 Auflage: 1. Auflage Vorgestellt von Marie-Luise Lindenlaub Frankreich im 18. Jh. Die zweite Person in ähnlicher Situation ist die Malerin Madeleine Françoise Basseport (1701-1780), auch bekannt als „Blumen- malerin“. Diese beiden Frauen lernen sich kennen, und Basseporte nimmt Marie Biheron unter ihre Fittiche. Beide gehen für die damalige Zeit ungewöhnliche Wege. Beide müssen erfahren, dass Frauen mit diesem Werdegang Grenzen gesetzt sind – egal, welches Talent sie haben. Der Autorin ist der feministische Körperbezug wichtig, auch das, was gesellschaftlich für Frauen überhaupt möglich und erreichbar war. Die Leerstellen in den Biografien füllt die Autorin mit kuriosen Details, Ideen überschäumend, witzig und raffiniert - und immer lesenswert. Der Titel steht auf der Shortlist Buchpreis 2025. Ausleihe bei der StadtbüchereiKauf bei Thalia |
„Gentleman über Bord“ AutorIn: Herbert Clyde LewisEinband: Taschenbuch Erscheinungsjahr: 2025 Verlag: mareverlag Seitenzahl: 176 Beteiligte (Übersetzer): Klaus Bonn Vorgestellt von Sabine Schmidt Mit „Gentleman über Bord“ hat der mareverlag ein ganz besonderes Kleinod wiederentdeckt. Dieser bereits 1937 erschienene Debütroman des Autors Henry Clyde Lewis wurde 2023 zum ersten Mal auf Deutsch im mareverlag veröffentlicht und liegt nun in einer besonders bibliophilen Taschenbuchausgabe vor. Herbert Clyde Lewis wurde 1909 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Brooklyn geboren und starb bereits 1950 an einem Herzinfarkt ebenfalls in New York. Er arbeitete als Journalist, Autor und hatte auch als Drehbuchautor Erfolg. Dieser endete doch abrupt, als er in der McCarthy Ära unter Verdacht geriet Kommunist zu sein. In „Gentleman über Bord“ schreibt er nicht ohne beißende Ironie aber auch mit viel Zuneigung für seine Figuren über das Missgeschick des Börsenmaklers Henry Preston Standish. Einem Missgeschick, welches einem Gentleman durch und durch wie ihm, eigentlich nicht passieren dürfte. Für welches er sich zunächst, bevor die Lage beginnt dramatisch zu werden, zutiefst schämt. Standish ist in guten Verhältnissen, ohne jeglichen Mangel aufgewachsen. Er ist wohlerzogen, Teilhaber eines Börsenunternehmens und mit Olivia verheiratet, mit der er zwei Kinder hat. Er ist ein zutiefst anständiger, aber auch zutiefst mittelmäßiger Mann. Er lebt sein Leben ohne große Höhen oder Tiefen in, leichtem Überdruß. Als er sich, aus einer beginnenden Depression heraus, eines Tages entschließt für kurze Zeit aus seinem Leben auszubrechen, geht er an Bord der Arabella, die Kurs nimmt von Honolulu nach Panama. Genau dort geschieht ihm, im Morgengrauen, eben jenes Missgeschick, welches ihn Hals über Kopf in den Pazifischen Ozean befördert und nicht nur seine gute Erziehung, seine gesellschaftlichen Zwänge, seine Einstellungen und Überzeugungen bedroht, sondern auch sein Leben. Ein Mann seines Formats, seiner Klasse schreit nicht einfach ‚Mann über Bord‘. Die Mitreisenden und die Crew werden sein Verschwinden schon bemerken. Oder? Auf nur 150 Seiten tauchen wir kurz ein in den Mikrokosmos der wenigen Personen an Bord der Arabella und tief in das Innenleben von Henry Preston Standish, in seine Überzeugungen, die sich auf See wandeln. Lewis führt uns direkt in Standishs verrücktes Hoffen, Bangen, Verzweifeln bis hin zum fulminanten Ende. Ein Buch, welches mich restlos begeistert hat. Kauf bei Thalia |
Das Buch der verlorenen Stunden AutorIn: Hayley GelfusoEinband: Gebundene Ausgabe Erscheinungsjahr: 2025 Verlag: dtv Seitenzahl: 480 Auflage: 1. Beteiligte (Übersetzer): Christine Blum, Jens Plassmann Vorgestellt von Claudia Engelmann Es ist die Reichsprogromnacht in Deutschland, und der jüdische Uhrmacher Ezekiel Levy will seine Tochter Lisavet vor den Nazis retten. Deshalb versteckt er sie in einer geheimnisvollen Bibliothek, die nur wenige kennen. Denn diese Bibliothek existiert unabhängig von Raum und Zeit, dort werden menschliche Erinnerungen in Milliarden von Büchern gespeichert. Nach und nach erforscht Lisavet ihre neue Umgebung, entdeckt sogenannte Zeithüter, die eigentlich die Erinnerungen bewahren sollen, die sie aber auch vernichten. Als sie den Zeithüter Ernest kennenlernt, wird ihr ihre wahre Bestimmung klar: sie muss so viele Erinnerungen retten wie möglich. Zwanzig Jahre später lernen wir Amelia kennen, die von ihrem verstorbenen Onkel Ernest eine ungewöhnliche Uhr erbt. Doch dann taucht eine Agentin namens Moira auf, die für Verwirrung sorgt. Und was haben die beiden Geschichten eigentlich miteinander zu tun? Ein außergewöhnlicher Roman auf zwei Ebenen, der gekonnt Zeitgeschichte mit philosophischen und irrealen Elementen verbindet ebenso wie eine spannende und kluge Geschichte, die an Haigs "Mitternachtsbibliothek" und an Zusaks "Die Bücherdiebin" erinnert. Hayley Gelfuso hat einen Master in Nachhaltigkeit und arbeitet im Marketing. Sie liebt wunderbare Geschichten mit magischen Elementen, die auf den realen Geschehnissen unserer Zeit und der Wissenschaft basieren. "Das Buch der verlorenen Stunden" ist ihr Debütroman, der in über 20 Ländern erscheint. Kauf bei Thalia |







AutorIn: Katharina Hagena
AutorIn: Annett Gröscher
AutorIn: Dirk Gieselmann
AutorIn: Jacqueline Kornmüller
AutorIn: Christine Wunnicke
AutorIn: Herbert Clyde Lewis
AutorIn: Hayley Gelfuso